Gnadenhof Avalon

Schlaganfall

Täglich lernen wir neues über den ungeliebten Störenfried welcher unser Leben vollkommen aus der Bahn geworfen hat. So wie er es mit sehr vielen Menschen tagein tagaus tut.

Schlaganfall.

Schlaganfall.

Schlaganfall.

Was ein Wort. Ein Schlag - Anfall. Ja, ein Schlag ist es, so fühlt es sich in der Tat an. Für den der ihn erleidet und für all die, die sprachlos, hilflos daneben stehen müssen. Nichts tun können außer einfach nur da zu sein. Leid für alle Seiten. Unglaublich ists, sich vorzustellen, wie man sich fühlen muss. Allein. Vertrautes plötzlich fremd, ohne Orientierung, voller körperlicher Schmerzen, eingeschränkt in der Bewegung und den Gedanken. Man kann sich nicht hineinfühlen in einen Menschen welcher eine solche Last plötzlich ertragen muss.



Es war einmal ein Mann, welcher Tiere über alles liebte. Als kleiner Junge schon brachte er sich selbst mit den freilaufenden Ponys der Nachbarn das Reiten bei. Auch Kühe ritt er beim Bauern bei welchem er schon sehr früh arbeitete. Lilo, die Leitkuh war sein alles.

Als siebenjähriger schaffte er es sie zu reiten und mit einem Stock welchen er an die Wange hielt ( rechts tippen für rechte Wendung, links tippen für linke Wendung ) zu lenken. Beide trieben dann gemeinsam die große Herde von der Weide in den Stall. Oft hielten vorbei fahrende Autofahrer an um zu schauen, was der Bub da auf der Kuh machte. Lilo selbst freute sich schon und kam immer nicht im Schweins- sondern im Kuhgalopp wenn der Junge nach ihr rief.

Ein bissel erinnerts an den Michel aus Lönneberga der Astrid Lindgren Geschichten. Und ein bissel ist er auch so, der Bub, der Mann.

Als Erwachsener unruhig, immer auf der Suche, ja, auch ein „Halodri“, keinem Streit, keiner Schwierigkeit aus dem Weg gegangen, diese auch oft gesucht. Unerfüllt. Und oft ganz leer. Ständig am Rande des Vulkans getanzt, das Risiko, eine neue Herausforderung in jedem Bereich gesucht, war bekannt für das Zureiten von Pferden welche als besonders schwierig galten. Ein wildes und ungezähmtes Leben, nie zufrieden, nie erfüllt. Und wenn er dann endlich einmal dachte angekommen zu sein, ein glückliches und ausgefülltes Leben führen zu können, so ging schief, was schief gehen konnte, die Ruhelosigkeit kehrte zurück.

Eines Tages traf er auf eine Frau, welcher es ähnlich ging, zwei Leben die sich so sehr glichen. Und so viele, viele Ähnlichkeiten:

Beider erstes Pferd hatte den Namen Fury, der erste eigene Hund war ein Dobermann, beide hatten einen Onkel mit Namen Rudi, zwei gescheiterte Ehen hinter sich, sein erster Sohn war im gleichen Jahr, im gleichen Monat im gleichen Krankenhaus geboren wie der ihre. Beide haben die gleiche Kleider- und auch Schuhgröße, sogar die gleichen Narben. Beide waren so oft so unglücklich, haben auch wilde Partys gefeiert, sich fallen gelassen, haben immer den „Sinn im Leben“ und ein zu Hause gesucht. Nahezu unglaublich.

Bei beiden hat sich in der Zeit in welcher sie zusammen sind ein Muttermal in Herzform gebildet ( bei ihr auf dem Bein, bei ihm auf dem Oberarm ).

Damals half er ihr zwei Pferde welche sie aus Misshandlung an der Kutsche freigekauft hatte, einzureiten. Taranis und Epos. So wundervolle Pferde wurden es als sie endlich Liebe und Anerkennung erfuhren. So wunderbare Abenteuer erlebten Menschen und Pferde miteinander.

Und doch dauerte es zehn weitere Jahre bis sich Mann und Frau dann wirklich fanden, zu sich standen, sich dann aber vom ersten Moment an wahnsinnig liebten.

Bei ihr und den Tieren des kleinen Gnadenhofes fand er endlich Ruhe und Erfüllung. Keine wilden Partys mehr, keine Suche mehr, kein Risiko mehr.

Er kümmerte sich mit Herz und Seele um die Frau und die Tiere des Gnadenhofes, welche ihn, so wie sie, sofort liebten, ihm vertrauten. Seite an Seite kämpften Mann und Frau für ihren gemeinsamen Sinn im Leben: Denen zu helfen welche sich selbst nicht helfen können. Tiere, die durch des Menschenhand misshandelt / vernachlässigt wurden ein liebevolles und sicheres und endgültiges zu Hause zu bieten.

Projekte waren geplant, denn das Motto auf dem kleinen Gnadenhof mit Namen Avalon lautet: Menschen helfen Tieren und Tiere helfen Menschen. Kinder und Jugendlichen sollte hier mit Spaß und ohne erhobenen Zeigefinder der liebe-und respektvolle Umgang mit Tieren beigebracht werden. Senioren sollten Kontakt zu Menschen jeden Alters und den Tieren erhalten, Menschen mit Handicap sollten den Umgang mit den Tieren genießen können. Viel wurde hier bereits getan, Kids und Senioren fühlten sich wohl auf Avalon, Behindertengruppen freuten sich bei einem Spaziergang mit dem Lamas Arthus und Pepe. Sogar eine junge autistische Dame konzentrierte sich bei einem Besuch dolle auf das Pony Pepper, lies die Berührung durch das Pferd zu (!), genoss die Streicheleinheiten. Ihre Eltern waren an diesem Tag so glücklich.

Um einen geistig behinderten Mann wurde sich ebenfalls ehrenamtlich gekümmert, ihn auf dem Hof in die Arbeit mit den Tieren integriert. Um vor Ort zu sein, um dessen verwahrlosten Hof wieder ansehlich zu machen, um die Tiere nicht mit dem Mann, welcher dies nicht allein konnte, alleine zu lassen, wurde in einer Garage gewohnt. Ohne fließend Wasser, ohne Strom. Einzig weil man wusste, dass gut und richtig war was man tat. Dann musste man umziehen, denn was die Kreisverwaltung, die offizielle Betreuung des Mannes forderte, war nicht einzuhalten, finanziell und seelisch überhaupt nicht möglich zu tragen.

Man zog in die Fremde und hoffte dort endlich Mensch und Tier zusammen bringen zu können. Denn Menschen helfen Tieren und Tiere helfen Menschen ist wichtig, so wichtig. Ein jeder kann dem anderen geben. So wünschten es sich der Mann und die Frau.

Alles war neu, alles geplant und dann kam der Tag des Schlaganfalles.

Im Alter von nur siebundvierzig Jahren schlug ein Blutgerinnsel in das Hirn des Mannes ein wie eine Granate. Viele Schlaganfälle zur gleichen Zeit in beiden Hirnhälften.

So ist es ein Wunder, dass er noch lebt, so ist es ein Wunder, dass er kein absoluter Pflegefall ist.

So ist es ein Wunder, dass da noch Hoffnung ist, noch was zu retten.

So ist es die härteste Zeit im Leben der Frau, welche ihren Geliebten seither rund um die Uhr pflegt und sich dazu um den Hof, die Tiere kümmert und es ist die härteste Zeit im Leben des Mannes, welcher immer selbstständig war, ein Macher und nun wie ein Kind alles neu lernen muss.

Ins Detail dieser Höllenfahrt gehen wir nicht ein. Tausende Seiten könnte man füllen.

Nein, wichtig, hier und heute ist einzig dieses Foto. Dieses Foto, welches mich, Mone, die Frau unserer Geschichte, heute zu Tränen rührte. Doch nicht wie ständig in den letzten fünf Monaten Tränen des Leids und Schmerzes und der Angst, sondern Tränen der Freude und Liebe.

Dieses Foto zeigt meinen Geliebten zusammen mit dem Kätzchen Baby. Baby war geschätzt drei Wochen jung als sie sich auf dem Heuboden auf welchem sie genau über unserer Stute Henny als einziges Katzenbaby geboren wurde, mit dem Köpfchen in zwei Brettern einklemmte. Sie schrie erbärmlich und ich Idiot leide unter Höhenangst, konnte die Leiter nicht hoch. Dieter ging es an diesem Tag den ganzem Morgen sehr schlecht, er erbrach sich ständig, es war ihm schwindelig, er hatte Augendruck und starke Kopfschmerzen. Wie er so war, der olle, ich durfte ihn nicht zum Arzt bringen, er meinte es wäre ein Morbus Crohn Schub oder Panik vor der Schulterop. welche am kommenden Tag folgen sollte.

Er bestand darauf mich und die Tiere nicht allein zu lassen.

Als er von dem Katzenbaby erfuhr wollte er sofort zu ihr. Ich hielt ihn, stütze ihn bis zum Stall. Dort erklomm er mit zittrigen Beinen die Leiter und befreite Baby aus ihrer Falle. Zitternd stieg er die Leiter ab, wieder an meiner Seite gab sein linkes Bein nach, der Augendruck wurde enorm, das linke Auge verdrehte sich und ich rief umgehend ( gegen seinen Willen, da er meinte ich und die Tiere würden ihn brauchen ) den Rettungswagen.

Schlaganfall.

Kurz bevor er im Krankenhaus ganz von Sinnen war, flüsterte er mir ins Ohr: „ Egal was passiert, du darfst nie vergessen wie sehr ich dich liebe. “

Dies waren seine letzten klaren Worte zu mir.

Und dann wurden wir vom Himmel in die Hölle katapultiert.

Doch ab und an kämpft sich immer mal wieder ein kleiner Sonnenstrahl durch die Dunkelheit, so wie folgender:

Vom ersten Tag an als mein Schatz vom Krankenhaus zu Hause war und mit in den Stall konnte, erkannte Baby ihn, ist immer für ihn da, ruft schon ungeduldig nach ihm wenn wir an seinen guten Tagen raus können und entweder mit Krücke oder dem Rollstuhl ( je nachdem wie das linke Bein mitmacht, denn körperlich ist die ganze linke Seite betroffen ) an den Stall gehen. Baby. Und heute, das erste Foto. Baby und Dieter. Der Mann, der dem kleinen Ding das Leben rettete während er einen Schlaganfall erlitt. Weil sein Wille und seine Liebe so stark sind.

Und für mich fällt auf dem Foto ganz dolle auf, dass er heute die Kleine mit der linken Hand streichelt. Mit der LINKEN Hand!!!


Und da kam uns ein Mensch besuchen welcher ihn schon lange kannte, mich und unsere Tiere nicht.

Und er war nett und lieb und im Anblick der Krankheit meines Engels und unserer Gnadenhof Situation sehr geschockt was er tapfer versuchte nicht zu zeigen. Und er gab uns Ratschläge, wie: Tiere abgeben, behindertengerechte Mietwohnung suchen, etc. .

Eigentlich sehr sinnvolle, eigentlich gute Ratschläge… wenn wir nicht wären wer wir sind.

So ging keiner von uns auf diese Worte ein.

Und als er ging und kurz alleine mit mir war, konnte er nicht anders und fragte mich:

„Du kämpfst so sehr: Mit der Arbeit die du wegen der Tiere hast und seiner Pflege, welche du rund um die Uhr leistest. Warum in aller Welt tust du das alles?“

Und ich dachte an den Mann den ich unendlich liebe und welchen ich im Bezug auf mich UND unsere Tiere als sehr fürsorglichen, liebe- und humorvollen Menschen kennen lernte und ich dachte an die Tiere denen unsere Herzen gehören und diese so dankbar und glücklich bei uns sind und dann lächelte ich und fragte zurück:

„Warum in aller Welt nicht?“


Für all die Mutigen, die Starken, die Tapferen, für all die „Niemals Aufgeber“, die dadurch oft sehr Einsamen, für all die, welche noch kämpfen, auch wenn sie schon am Boden liegen, für all die „Stehaufmännchen und –weibchen“, für all die, die Sinn und Hoffnung suchen, sich nicht unterkriegen lassen, für all die „Gegen den Strom Schwimmer“, für all die, die sich nicht unterdrücken lassen, für all die, deren Herzen noch für andere schlagen, für all die, die mit dem Kopf gegen die Wand rennen bis sie bricht, für all die, welche ihre Seele noch nicht verkauft haben, für all die, die kurz davor sind den Mut zu verlieren und Angst haben, dass die Kraft nicht mehr reicht, für all die, die auf ihr Herz hören, für alle Individualisten, für all die Traurigen, für all die, welche denken keine Tränen mehr haben zu können, für all die, welche sich nicht unterkriegen lassen, für all die, die sich täglich fragen: „Warum?“ und trotzdem weitermachen, für all die, welche immer ihren Weg gehen, sich nicht beirren lassen...

Für all die wunderbaren Menschen welche Mensch sind, sich dessen bewusst sind und sich respekt- und liebevoll gegenüber anderen verhalten, für all die, die wissen was Empathie bedeutet, für all die, die sich kümmern, die helfen, die immer da sind.

Für all die deren Herzen in der Kälte unserer heutigen Welt noch nicht erfroren sind

Für all die, welche lieben und in Liebe handeln

........undJo,damitmachichmirselbstaucheinbisselMut...

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